Clubhouse. Ist alles gesagt?

“Wunderschön gemacht, aber von begrenztem Nutzen." 

Dachte ich. Was für eine Fehleinschätzung. 

Clubhouse hat in nur 6 Monaten 6 Mio. MAU (Monthly active Users) für eine App mit Audio-Räumen gefunden. Ach was: Begeistert. Mit iOS-only und restriktivem Invite-Prozess. Respekt. Geradezu märchenhaft.

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Noch märchenhafter ist der Blick auf den deutschen Markt. Hier ist Clubhouse überhaupt erst Anfang des Jahres sichtbar, genauer: seit 14. Januar 2021. Deutschland ist Anfang Februar mit knapp 300tsd Downloads der wichtigste Auslandsmarkt der App. Es ist, als hätten wir auf die Ankunft des Audio-Messias gewartet. Es gab Tage im Januar 2021, da war Clubhouse auf Google Trends wichtiger als Kanzlerin Angela Merkel. 

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Warum Clubhouse? Warum jetzt? Warum in Deutschland? Der Versuch einer Erklärung.

Spoiler: der letzte Grund ist der wichtigste.

      • Ein lange vermisstes Gefühl fühlen: Mal wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Kennen wir eigentlich nicht. Gängiger ist das Gefühl des digitalen Scheiterns. Die Liste unserer nationalen digitalen Niederlagen ist lang: Tesla. Eine Corona-Tracking App, die nichts tracked. Ein Datenschutz, der nur den eigenen Unternehmen schadet. Die Unfähigkeit, von Amazon, Facebook und Apple Steuern einzutreiben. Mit Clubhouse hat die nationale digitale Elite bewiesen, dass sie zwar zu eigenen Innovationen weiter kaum in der Lage ist, aber sofort erkennt, wenn andere sie haben. 
      • Moment of Trust. Weil  US-Start-ups generell höhere Firmenbewertungen erhalten, werden sie ernster als die eigenen Start-ups genommen. Schon die 100 Mio. Bewertung aus der zweiten Runde galten als sensationell. Dabei ist Clubhouse längst 1 Mrd. Dollar wert.
      • Joy of Use. “Tab to listen in” -  seien wir ehrlich, die App ist rundum gut gemacht. Es macht Spaß, locker zwischen Räumen und Themen hin- und her zu springen. Wenn sonst nichts passiert im Lockdown: Hier war mal endlich was los. Und die Flüchtigkeit des Augenblicks, die ausschweifend-schwafelige Grundstimmung in der App, die richtige Mischung aus Business-Talk und Wohlfühlthemen, zuhören aber nicht zuschauen müssen - das alles setzte genau den richtigen Kontrapunkt zum grimmig-kalten Lockdown im trüben Januar. 
      • Der Reinraum der Zielgruppe. Das Gefühl eines riesigen Klassentreffens. Man kennt sich von Twitter. Und in einer neuen Umgebung werden die Freunde der Freunde schnell die eigenen… Follower. Herrlich unkompliziert. Und es sorgt dafür, dass Themen und Qualität der Talks sehr homogen sind. 

Warum ist der letzte Punkt so wichtig? Die App liefert eine Art digitale Währungsreform: In einer frischen App haben alle die gleichen Startbedingungen. Wie im Nachkriegsdeutschland sind zwar nicht alle gleich, und ein Promi bleibt auch in Clubhouse ein Promi, aber es ist eben viel unbesetzter Platz um die Platzhirsche herum. 

Bekannte und Kollegen verbringen seither täglich viele Stunden auf der App. Aus Spaß, aber auch, um ihre Rolle im System finden. Wer besetzt welche Themen, wer spricht mit wem? Wer wird gefragter Speaker oder Moderator,  wer führender Experte zu Clubhouse? Wer hat das beste Telefonbuch und bekommt die klingendsten Namen in sein Event? Es geht zu wie auf einem Basar. Märkte sind Gespräche. Noch immer.

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Es sind diese drei Dinge, die mich an Clubhouse stören. 

    1. Wie funktioniert Nutzerbindung?
      Mikro an und los. Gerade Podcaster erliegen der Einfachheit der App. Das  Internet vollzureden ist eben noch schöner, wenn das lästige Schneiden und Vermarkten entfällt. schnell wiederholen sie sich. Es hören dann eben andere Nutzer zu. Wie entsteht so Nutzerbindung? Die Masse des Angebots senkt die Verweildauer auf immer kürzere Meet & Greets senkt. Clubhouse ist eben ein bisschen wie lineares TV: Man kann Stunden zappen, ohne was mitbekommen zu haben.

    2. Das Low-Prinzip oder die Naivität der Hosts
      Die Hosts liefern eine enorm wertschaffende Arbeit. Ihre Leistung hat den Wert der App auf aktuell 1 Mrd. ansteigen lassen. Davon bekommen sie: nichts. Und keinen Nutzer der App stört es, solange sie mit Inhalten und Reichweite belohnt werden. Ist das verwerflich? Auf keinen Fall. So war es doch schon Facebook, Twitter, Instagram und Tiktok, oder? Wie viele Tech-Konzerne sollen denn noch von dem Low-Prinzip (“Let others work”) profitieren ohne die Urheber zu partizipieren? Und angesichts der sonstigen Aufgeklärtheit gerade dieser Klientel ist zumindest…. bemerkenswert. Die Weisheit der Vielen scheitert beim Geld.

    3. Clubhouse ist ein exklusives Haus
      Noch immer stehen auf beiden Seiten Seiten des Mikros Meinungsmultiplikatoren. Interessanterweise fehlen Gamer oder Stars von Youtube, Twitch oder Tiktok. Ihnen schwant wohl, dass sie mit Audio nichts gewinnen, was sie auf den anderen Portalen nicht schon besitzen. Diese Homogenität liefert kurzfristig die notwendige Selbstbestätigung, sorgt aber langfristig für Langeweile. Man kann sich nur begrenzt gegenseitig Heizdecken verkaufen. 

Die Zukunft von Clubhouse oder: Nische oder Mainstream? 

Clubhouse kann groß werden. Wenn sie diese Probleme lösen.

    • Podcast sind tot. Lang lebe Clubhouse? Hosts werden sich entscheiden müssen, auf welchem Format sie aktiv sein wollen. Beides parallel wird die meisten überfordern. 
    • Die Gesprächsformate müssen professioneller und weniger selbstreflektiv werfen.   
    • Die Gruppengröße muss wachsen. 5.000 Zuhörer lohnen sich nicht für Creator, die auf anderen Kanälen deutlich höhere Reichweiten besitzen. 
    • Sowieso: Clubhouse muss wie jedes andere Netzwerk eigene Stars hervorbringen.
    • Meinungspluralismus. So schnell wie sich die Inhalte versenden, so lange köcheln Aufreger auf anderen Netzwerken weiter. Die freie Rede ist genauso wichtig wie das Einhalten von Regeln. Zum entscheidenden Erfolgsfaktor werden die Moderatoren. Clubhouse scheint sich wenig um seine Edelhelfer zu kümmern und entscheidet sich bislang fürs Sperren.  
    • Paid vs. Free. Clubhouse hat vor wenigen Tagen neben der Android-App auch Payment Modelle angekündigt. Offenbar wollen die Macher lieber Subscriptions als Werbemodelle einführen. Fraglos werden kostenpflichtige Räume funktionieren. Nur wäre es dann aus mit dem Wachstum. Aber Profitabilität ist ja auch kein schlechtes Ziel.  

Sum-up 

Auf eine lässige Formel gebracht: Clubhouse bleibt eine B-to-B App und wird eher von Linked-in als von Amazon gekauft. Clubhouse könnte dafür ein Standard für Peer-2-Peer Konferenzformate werden.

Ich wäre begeistert! Beeindruckt bin ich jetzt schon.